+ 0 - 1 | § ¶20 Minuten von total 15 Jahren
Lange habe ich mich gefragt, warum 20 Minuten so ist, wie es ist: Dämlich und erfolgreich. Die Begründung, der Durschnitt der Bevölkerung sei halt einfach ein bisschen doof, wollte ich nicht gelten lassen. Die Bevölkerung ist wesentlich weniger doof, als gewisse Medien glauben.Des Rätsels Lösung ist ja eigentlich ganz einfach und mir kürzlich wie Schuppen von den Augen gefallen: 20 Minuten ist nicht primär eine Zeitung für Erwachsene, sondern für Kinder und Jugendliche. Ich habe das lange nicht gemerkt, weil ich mir unter einer Jugendzeitung immer so etwas wie der Spick vorstellte. Wenn ich stattdessen mehr an «Bravo» gedacht hätte, wäre es mir früher aufgefallen. Wie in den Mediadaten von 20 Minuten selbst nachzulesen ist, hat 20 Minuten die mit Abstand jüngste Leserschaft aller Schweizer Tageszeitungen (gefolgt vom «Blick»).
20 Minuten macht ja auch alles, um den Altersdurchschnitt tief zu halten. Darum die vielen Comics, die langweiligen Partyfotos, darum wird mehr über Computergames berichtet als über Politik. Sport ist natürlich auch immer gut. Und Models, Misswahlen, Sängerinnen, die aussehen wie Models, Promis, die aussehen wie Models. Das ganze ohne störende Nachrichten gibts in 20 Minuten Week. Ins Konzept passt auch die Website, die enorm gepusht wird. Die Rubriken: News, Sport, Unterhaltung, Ausgehen, Life & Lifestyle, Auto & Motorrad, Digital Life. Eine normale Zeitung (also eine für 40-jährige) würde die letzten fünf Rubriken zu einer zusammenfassen und dafür die News in etwa vier Rubriken aufteilen (Ausland, Inland, Region, Wirtschaft). Und da Jugendliche kein Geld haben, ist der Preis der grösste Vorteil bei den Kids. Irgendwann werden allerdings auch die dümmsten Inserenten merken, dass Inserate nichts bringen, wenn die Leserschaft nicht mal genug Geld für eine Zeitung hat.
Disclaimer: Jugendliche sind nicht doofer als Erwachsene, aber sie sprechen eher auf Doofes an.
Moral: Es ist grad mal wieder krass in Mode, auf die heutige schlimme wohlstandsverwahrloste, faule, dumme, auf den Boden spuckende, gewalttätige, etcetera, Jugend zu schimpfen. Schon mal überlegt, warum Menschen so sind, wie sie sind? Könnte es am Ende gar etwas mit der Welt zu tun haben, in der sie aufwachsen?
+ 1 - 0 | § ¶Gegendarstellung
Ich bin reingefallen. Habe absurd viel Geld für etwas ausgegeben, das mich total enttäuscht hat. Dabei bin ich sonst eher ein Knauseri, nicht einer, der das Teuerste kauft. Aber hier war ich mir einfach sicher, dass ich das ultimative Teil gefunden hatte, und umso grösser ist jetzt die Enttäuschung. Es sind weniger die verschwendeten 650 Franken, es ist das Gefühl, reingefallen zu sein, das nervt. Ich habe den Artikel «Kaufen mit Küng» im Magazin, Ausgabe 11/2007, gelesen und sofort gedacht: Ischjahurengeil, das muss ich haben. Ein Kopfhörer, der nicht nur Musik abspielt, sondern alle störenden Umgebungsgeräusche eliminiert. Liest man den Artikel, hat man das Gefühl, man könne damit problemlos in ein Zugabteil sitzen, in dem zwei Tratschtanten gackern, und hätte den totalen Frieden. Das ist absolut falsch. Zwar mindert der Kopfhörer durchaus gewisse Hintergrundgeräusche, ein leises Surren verschwindet unter günstigen Umständen sogar ganz. Doch auch leise Geräusche hört man immer noch. Ich höre eine Stecknadel fallen.Viel übler als die nicht so tolle Lärmminderung ist jedoch, dass das Teil namens Bose QuietComfort 3 nicht einfach Schallwellen wiedergibt wie jeder normale Kopfhörer, sondern wie Aktivboxen funktioniert. Das Teil hat eine Batterie und verstärkt den Sound. Das an sich ist ja OK. Leider verstärkt es die verschiedenen Frequenzen völlig unterschiedlich. Die Bässe sind VIEL zu laut. Die etwas höheren Töne im Mittelbereich sind dafür zu leise; das ganze tönt irgendwie dumpf, man hat das Gefühl, dass der QuietComfort auch «Störgeräusche» ausfiltert, die eigentlich zur Musik gehören würden. Es entsteht ein Rumpelsound, sehr unangenehm, ein Angriff auf das Innerste von Seele und Körper. Das mag für gewisse Musik und Stimmungen genau das richtige sein, aber man kann dieses Masochistenfeature nicht ein- oder ausschalten. Schaltet man die Lärmreduzierung aus oder entfernt die Batterie, so macht der Kopfhörer keinen Pieps mehr.
In Originalverpackung und zurück, und hoffen, dass die Firma mir das Geld anstandslos zurückzahlt.
+ 1 - 0 | § ¶Präventive Rechtfertigung für Vorwürfe, die gar nie erhoben wurden, die aber durchaus berechtigt sind
Vielleicht hat sich der ins Glas geneigte verehrte Leser auch schon gefragt, wieso hier eine Rubrik namens Schreiben zu finden ist, die so bierernst daherkommt. Oder der bierernste Schreiberling fand diese Seite unter Guugel und fragt sich, wieso diesen seriösen Tipps ein so saudämlicher Blog vorangestellt sein muss. Nun – man macht halt so dies und jenes, ist mal ernst, mal nicht, mal besoffen, mal nicht, und es scheisst mich an (dieser umgangssprachliche Phraseologismus ist übrigens ein Musterbeispiel guten Schreibstils!), für jede Laune und jede Idee einen komplett neuen Webauftritt mit einer eigenen Corporate Identity zu lancieren. Auch wenn dies der Imagepflege bestimmt dienlicher wäre. Imagepflege ist ja das, was gelangweilte Kids und Twens heute hauptsächlich so machen (juhu, jetzt kann ich endlich auch über Twens lästern, wo ich dieses unsägliche Alter endlich auch hinter mir habe), wenn sie denn mal was machen. Wirklich abheben kann man sich aber nur, wenn man auch die anderen runtermacht, wie das bei uns noch hiess, anno 1925, jetzt heisst es dissen. Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich, da schreibt einer eine Dissertation. Aber dazu sind die Kids zu dumm und zu faul. Ja, alle. Nein, es gibt keine Ausnahmen. Nein, ich verallgemeinere nicht. Nein, ich finde das nicht auch. Nein, ich mag dich nicht, denn du bist jung und dumm, also Schnauze.Ok, ich schweife in die Ironie ab. Eigentlich war der Blog tatsächlich mal eine ernste Idee – gewissermassen eine Bieridee – und hatte zum Ziel, hier regelmässig Sprach- und Stilkritik zu üben. Dass ich nicht lache! Ich bin froh, dass ich das nicht geschafft habe. So griesgrämig und verbohrt kann man ja nicht einmal sein, wenn man durch langfristige Arbeitslosigkeit genug Zeit hat, den angestauten Menschenhass voll und ganz auf drei Zeilen schlechten Text zu projizieren, mit Aussicht auf den nächsten sinnlosen, vom RAV verordneten und schweineteuren Eingliederungskurs. Über die neusten Entgleisungen im Tages-Anzeiger lästern und dabei das Ende der abendländischen Kultur heraufbeschwören? Das schaffen nur Deutsche, denen Griesgrämigkeit und Kulturpessimismus mit der spätromantischen PISA-Muttermilch eingeimpft worden ist, und auch die nur dann, wenn ihnen gestern die Freundin davongelaufen, der Job gekündigt, das Erbe abgesprochen, die Weisswurst verkohlt und der Schäferhund eingeschläfert worden ist.
Von daher: alles easy.
+ 1 - 0 | § ¶Bekenntnisse (die eigentlich keine sind)
Ich will auch mal! Die Chance, dass es jemanden interessiert, ist zwar klein, aber es macht einfach so viel Spass, solche Listen zusammenzustellen, dass man schwer widerstehen kann.Was ich mag: Frische Luft. Bier. Kaffee. Das Meer. Fussball spielen bis der Notarzt kommt. Ideen. Live-Musik. Lebendige Rhythmen. Das Rauschen vom Regen in der Nacht. Veränderungen. Dreimal am gleichen Tag frühstücken. Amselgezwitscher. Phantasie. Gebrauchte Gegenstände. Katzen. Februar und September. Geradlinigkeit. Italienische Küche.
Was ich nicht mag: Spucke auf dem Boden. Marketingsprache. Dumpfer Lärm, der durch die Wände dringt. Hunde. Frömmler und andere Selbstgerechte. Akademiker-Mief. VIVA und sonstiger TV-Müll. Menschenaufläufe. Stadtverkehr. Dezember. Essig. Gaffer. Alte Spielfilme. Lemming-Verhalten. Erbrechen müssen. Formalitäten. Intrigen. Kinder, die älter als 30 Jahre sind.
